Wie relevant ist das Risiko eigentlich für mich als Offizier bzw. OA? Werde ich überhaupt jemals berufsunfähig?

Wie relevant ist das Risiko eigentlich für mich als Offizier bzw. OA? Werde ich überhaupt jemals berufsunfähig?

Geschrieben am 06.08.2019
von Dipl.-Kfm. Martin W. Kopf - zertifizierter Finanzplaner und Experte in Soldatenfragen mit langjähriger Berufserfahrung


Die Antwort ist vergleichsweise einfach - es gibt zwei Möglichkeiten für Sie persönlich:

ja oder nein!

Und die mit diesen Möglichkeitenen verbundene individuelle Wahrscheinlichkeit für Sie persönlich ist ebenso:  0 oder 100% - Sie werden in Ihrem Leben also berufsunfähig oder eben nicht.

Das reicht Ihnen nicht? Natürlich können wir versuchen, tiefer zu bohren und stoßen auf weitere Probleme:


 

Offizier ist nicht gleich Offizier - das Risiko ist höchst unterschiedlich.

  • Der eine sitzt auf Bürostühlen - der andere auf einem Schleudersitz (und das ist nicht als Metapher gemeint). Der eine springt hinter feindlichen Linien ab, der andere erlebt das größte Verletzungsrisiko beim jährlichen Sportfest der Einheit. Jedem dürfte klar sein, dass ein Kampfmittelräumer, Minentaucher, Jet-Pilot, etc. ein deutlich höheres Risiko aufweise, als der GeZi-Soldat an der Offizierschule.
  • Das berücksichtigen die wenigen Versicherer, welche Soldaten versichern natürlich entsprechend, indem höherer Risikobeiträge fällig werden, das Risiko spiegelt bei Versicherungen automatisch im Beitrag wieder. Leider ist dieses Know-how als Kernkompetenz der Versicherer natürlich "top secret" und nicht als öffentliche Statisiken für alle verfügbar!
  • Für die nicht versicherbaren Soldatenberufe steht dann nur der Rahmenvertrag der Bundeswehr zur Verfügung. Dieser wird aus einem Konsortium (Zusammenschluss) von Versicherungsunternehmen dargestellt und somit ist das extreme Risiko auf vielen Schultern verteilt.
    Selbst aber wenn wir alle Offiziere in unserer Betrachtung in einen Topf schmeißen:

 

Es gibt keine vernünftigen Statistiken über Ihre Vergleichsgruppe: Offiziere und Offizieranwärter

  • Diese Zielgruppe mit weniger als  40.000 Personen ist zu klein. Daher gibt es keine (uns bekannte) Statistik.
  • Alternativ könnten wir nur auf Statistiken blicken, wo Soldaten mit Handwerkern, Büroangestellten, Managern, etc. in einen Topf geschmissen werden. In diesem Fall ist aber die Statistik offensichtlich eben wenig aussagekräftig für Ihre Vergleichsgruppe.
  • Wenn Sie dennoch einen Blick auf eine allgemeine Statistik (z.B. hier oder hier) werfen möchten, denn stellen Sie fest, dass anders als Viele vermuten,  Berufsunfähigkeit sehr häufig vorkommt. Während man sich ohne Scham neben sein verbeultes Auto stellt und Bekannten bereitwillig auskünfte erteilt, so ist das bei Berufsunfähigkeit etwas grundlegend anderes : Betroffenen stellen dies natürlich nicht offen zur Schau .
  • Welche Ursachen dafür verantwortlich sind, finden Sie im Artikel des Gesamtverbandes der deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) hier im Überblick. Was sich zweifelsfrei - und aufgrund logischer Erwägungen sagen lässt: das BU-Risiko ist für Offiziere und -anwärter deutlich höher als bei "Zivilisten" - daher sind auch die BU-Beiträge teurer als bei zivilen Berufen und viele Versicherer sichern Soldaten überhaupt nicht ab.

 

BU ist nicht gleich BU - es gibt unterschiedliche "Schweregrade"

  • Es gibt Personen, die berufsunfähig werden und nach wenigen Monaten bereits wieder so fit , oder so umgeschult sind, dass sie wieder berufsfähig werden.
  • Es gibt aber auch Personen, bei denen es über mehrere Jahre keine Möglichkeit gibt, in irgendeinen Beruf zurückzukehren.
  • Schließlich gibt es Personen, die nach Eintritt überhaupt nie wieder "auf die Beine" kommen. Daher betrachten Statistiken meist nur das Risiko "BU ist eingetreten" ohne weiter zu differenzieren in Dauer der BU oder BU mit oder ohne Umschulungsversuche.

 

Hinter der Statistik: persönliche Schicksale

Aber wie oben angesprochen - täuschen Sie sich nicht selbst: diese Statistiken helfen Ihnen nur äußerst begrenzt weiter! Was hilft es Ihnen, wenn Sie vorher zwar wussten, wie (statistisch) unwahrscheinlich Ihr Risiko war, aber wenn es schlussendlich Ihr Schicksal  ist, zu dieser kleinen Gruppe zu gehören, die eben im Erwerbsleben  berufsunfähig wird?

Stellen Sie also keine Frage nach dem Risiko Anderer, sondern fragen Sie sich einfach persönlich:

Ist das Risiko relevant für mich?

Ja - weil es für 99,99% der Erwerbstätigen relevant ist und für Soldaten in besonderem Maße. Lassen Sie sich nicht davon täuschen, dass Sie vielleicht keinen Fall persönlich kennen. Zeitsoldaten verlassen nach §55 II Soldatengesetz die Bundeswehr und verschwinden sang- und klanglos nicht nur aus dem Kameradenkreis sondern häufig auch aus der Öffentlichkeit und damit dem öffentlichen Bewusstsein. Niemand der durch eine Dienstunfähigkeit bzw. Berufsunfähigkeit finanziell in Schieflage gerät, spricht darüber gerne,  offen und was es bedeutet, wenn er/sie wieder bei Mama und Papa einzieht oder zum Harz IV-Empfänger wird. Dieses „Totschweigen“ täuscht viele über das tatsächliche Risiko hinweg. ‚Was man nicht mitbekommt, kann ja kein Risiko sein‘ denken Viele. Denn: öffentliche Fälle von berufsunfähigen Soldaten gibt es wenige – eine der wenigen Ausnahmen ist Christoph Rickels, der nach einer privaten Prügelattacke seine beruflichen Pläne aufgeben und sich über Jahre hinweg zurück ins Leben kämpfen musste. Niemand kann so etwas vorhersehen oder die Wahrscheinlichkeit abschätzen. Realität ist, dass es immer wieder Soldaten gibt, denen einfach so und ohne Vorwarnung das Schicksal derart übel mitspielt, dass Sie über mehrere Jahre hinweg oder sogar lebenslang nicht mehr in der Lage sind, Ihren Dienst wie ursprünglich geplant zu verrichten.

Kann ich es mir leisten, berufsunfähig zu sein?

Nein? Wenn Sie wie der Großteil der Bevölkerung von Ihrem Arbeitseinkommen abhängig sind, dann ist eine Absicherung die einzige Lösung.

Bin ich bereit, aus der für mich selbstverständlich gewordenen Selbstbestimmtheit im BU-Fall zurück in die Abhängigkeit von Dritten (Lebenspartner, Eltern, Staat, ...) zu fallen? Bin ich mir bewusst, was dies persönlich und finanziell für meinen Lebenspartner bzw. meine Eltern bedeuten würde?

 

Die Antwort kennen Sie.

 



*Aus Gründen der besseren Lesbarkeit verwenden wir die männliche Form einheitlich für beide Geschlechter.

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